Seit 1 ½ Jahren trifft sich unsere aktuelle Israel-AG zu Workshops zu den Themen 1700 Jahre jüdische Geschichte in Deutschland, Antisemitismus und die politische Situation in Israel. Diese Workshops sollen auf den anstehenden Austausch mit Schüler\*innen unserer Partnerschule der Mor Highschool aus Modi'in-Maccabim Re'ut vorbereiten. Schon im September musste dieser Austausch aufgrund der politischen Situation entfallen, eine „Israel-Woche“ in Detmold und in Berlin führten wir dennoch mit unserer AG durch.
Da absehbar war, dass es auch im Februar nicht zu einer Begegnung kommen kann, planten wir auch für diese Zeit eine „Ersatzfahrt“, die uns vom 19.2. bis 22.2.2026 nach Hamburg führte. Sehr dankbar und erfreut waren wir über unsere zwei Begleiterinnen Joanne Herzberg und Petra Hölscher, deren Familien teils aus Hamburg stammen, und wir uns auf deren Spuren begeben konnten.
Angekommen im verschneiten Hamburg begaben wir uns am Donnerstag bei eisigen Minusgraden auf jüdischen Spuren der Vergangenheit und Gegenwart im Grindelviertel im Stadtteil Rothenbaum. Das Grindelviertel, im Volksmund auch „Klein-Jerusalem“ genannt, war zwischen 1871 und 1930 eines der drei Hauptwohngebiete der Jüdinnen und Juden in Hamburg. Bereits auf dem Weg zum Joseph-Carlebach-Platz fielen die vielen Spuren jüdischen Lebens auf, insbesondere die zahlreichen Stolpersteine, die in Erinnerung an Opfer der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft verlegt wurden. Am ehemaligen Platz der Bornplatzsynagoge, die während der Pogromnacht 1938 von den Nazis zerstört worden war, diskutierten wir über den geplanten Wiederaufbau der Synagoge und lernten unterschiedliche Meinungen diesbezüglich kennen. Weiterhin führte uns unser Rundgang zum Gebäude der früheren Talmud Tora Schule, in dem sich auch heute eine Schule befindet, über das Universitätsgelände hin zum Curiohaus-Haus. In diesem Gebäude fanden 1945-1949 ein Großteil der Kriegsverbrecherprozesse der britischen Zone statt, u.a. auch der Prozess gegen das Lagepersonal des KZ Neuengamme, unter denen sich auch Wilhelm Dreimann, der zuvor in Detmold gelebt hatte, befand. Beispielhaft schauten wir auf die Strafverfolgung von NS-Verbrechern, was wir in der KZ-Gedenkstätte Neuengamme am Samstag vertiefen sollten.
Am Freitag durften wir in der Geschichtswerkstatt im Stadtteil Eimsbüttel mit Susanne Lohmeyer zum Thema Stolpersteine und Recherche und Aufarbeitung von Biographien ins Gespräch kommen. Am Beispiel der Lebensgeschichte von Margarethe und Martin Heynemann und Lizzi Silberberg (https://www.stolpersteine-hamburg.de/index.php?MAIN_ID=7&BIO_ID=2749), Petras Vorfahren, erläuterte sie den Weg der Recherchen, Begegnungen mit Nachfahren und Reisen an die Orte, samt Hindernissen und Schwierigkeiten. Sehr persönlich berichtete auch Petra von ihrer Begegnung und Umgang mit der Geschichte ihrer Familie. Damit auch wir einen Teil dazu beitragen können, dass diese und andere Geschichten nicht in Vergessenheit geraten werden, reinigten wir symbolisch die Stolpersteine und nahmen uns vor, die Namen und Geschichten nicht zu vergessen und weiterzuerzählen.
Nach diesem bewegenden Vormittag und anschließend ausreichender Freizeit, stand am Samstag ein mehrstündiger Workshop in der KZ-Gedenkstätte Neuengamme mit Fokus auf die Täterbiographie von Wilhelm Dreimann, die Strafverfolgung der Täter nach 1945 und die Erinnerungskultur an. Zunächst als Außenlager des KZ Sachsenhausen Ende 1938 in einer stillgelegten Ziegelei in Hamburg-Neuengamme errichtet, wurde Neuengamme 1940 zu einem eigenständigen Konzentrationslager, das bis 1945 als zentrales Lager Nordwestdeutschlands fungierte. Im KZ Neuengamme und den Außenlagern, die für Bauvorhaben und bei Rüstungsfirmen in Norddeutschland entstanden, mussten die Gefangenen schwerste Arbeiten für die Kriegswirtschaft leisten. Die Lebens- und Arbeitsbedingungen waren extrem brutal. Insgesamt starben mindestens 42.900 Menschen im Hauptlager Neuengamme, in den Außenlagern oder während Todesmärschen bzw. durch Bombardierungen.
Den Abschluss unserer Reise bildete am Sonntag ein digitaler Stadtrundgang auf kolonialen Spuren in Hamburg mit der anschließenden Diskussion zum Wechselverhältnis zwischen Shoah- und Kolonialismuserinnerung und dessen Verortung in der deutschen Erinnerungskultur. Wir diskutierten die kontroversen Thesen der Singularität der Shoah und Kontinuität zwischen Kolonialismus und Shoah.
Müde, aber um viele Informationen und Denkanstöße reicher, endete die Reise am Sonntagabend am Detmolder Bahnhof.
